Keine Atempause, es geht im Gänseschritt voran
Nachdem ich im Oktober 2024 nach 12 Runden und 83 Kilometern bei meinem ersten Backyard Ultra in Rettert aufgrund von Schmerzen in meinem rechten Bein aufhörte, war ein paar Wochen Laufpause angesagt. Ich ahnte es bereits: das Pes anserinus-Syndrom, auch bekannt als Gänsefußsyndrom war im Anmarsch. Dabei handelt es sich um eine Reizung des Sehnenansatzes von drei Oberschenkelmuskeln, die in der Innenseite des Kniegelenkes zusammenführen. Auch wenn es in meinem Fall "nur" eine hartnäckige geringe Wasseransammlung war und ich keine starken Schmerzen empfand, hielt mich dieses Gänsefußsyndrom davon ab, normal zu trainieren und zu laufen wie gewohnt. Konkret bedeutete dies keine Wettrennen in Sicht, keine Ultras und keine Tempoeinheiten.
Auch wenn einige Läufer meine "Lauf-Abstinenz" belächeln mochten, da ich ja keine "richtige" Verletzung hatte, gehört es einfach nicht zu meiner Laufphilosophie, mit Beschwerden zu laufen. Dafür ist mir das Risiko, lange gar nicht mehr laufen zu können, einfach zu hoch. Das berühmte Motto "NO PAIN NO GAIN" bedeutet für mich nicht, dass ich Symptome, Überbelastungen und Schmerzen missachte und trotzdem weiter trainiere.
Allerdings bekam dieses Motto eine andere Bedeutung, nachdem ich mich einer Eigenbluttherapie (PRP) unterzog. Während zwei Monaten bekam ich immer donnerstags eine Spritze ins Bein, die ich jedes Mal als äußerst schmerzhaft empfand. Nach der Injektion hielten die Schmerzen noch einige Tage an, und dann war auch schon wieder Donnerstag und eine neue Nadel durchbohrte mein Bein. Aber die Therapie, in Kombination mit sehr viel Stretching und Krafttraining, war äußerst erfolgreich.
Anfang Januar 2025 begann ich wieder mit meinem Training, welches aus sehr langsamen Laufeinheiten, Fahrradfahren und weiterhin viel Stretching und Kraftaufbau bestand. Mein Trainer hat die einzelnen Einheiten so strukturiert, dass die Läufe nicht zu dicht aufeinander lagen und mein Bein nicht zu sehr belastet wurde zu Beginn. Da mein großes Laufhighlight der Biber Backyard Ultra im Juni war, gestaltete ich meine Laufeinheiten etwas anders als gewohnt, und zwar "loopte" ich in einem konstanten sehr langsamen Tempo. Dabei hielt ich mich an die Vorgaben eines Backyard Ultras: 6,7 km unter einer Stunde laufen (mit ca. 120 Höhenmeter/6,7 km). Diese Art von Training erwies sich als sehr förderlich und produktiv. Ich konnte ohne Überbelastung laufen und steigerte jede Woche die Distanz um ein "Loop", so dass 20-26 km an den Sonntagen möglich waren, und dies sogar beschwerdefrei. Gleichzeitig hörte ich sehr genau auf meinen Körper und lernte, die Einheiten anders zu gestalten und zu dosieren, wenn ich den Eindruck hatte, dass eine Einheit jetzt doch eher kontraproduktiv sein könnte. Es war eine bewusstere und gezieltere Gestaltung des Trainings, und ab März konnte ich wieder ganz normal durchstarten: Intervalltraining, Regenerationsläufe, Biking, Stretching/Kraftaufbau und an den Sonntagen bis zu 40 km mit einer konstanten 7:15/km Pace "loopen". Meine bevorzugte Backyard-Ultra-Laufstrecke wurde eine Trail Strecke, auf der ich immer wieder um eine Tanne namens "Der dicke Douglas" lief. Ich gab der Strecke den Namen "Big Douglas-Strecke". Im weiteren Verlauf lief ich sogar bis zu 8 Stunden um "Big Douglas" herum, aber dazu später.
Besonders freute ich mich darüber, dass ich ab Mitte April wieder an Wettläufen teilnehmen konnte. Der erste Lauf im April, der Maraton Subbetico Mozarabe 50km, fand in der Nähe von Cordoba statt. Die Strecke führte über einen Teil des Camino de Santiago de Compostela, den Camino Mozarabe. Zu Beginn des Laufes regnete es stark und es war ziemlich windig. Doch nach einigen Stunden setzte sich die Sonne etwas durch. Da ich die Osterferien eh zu Hause in Andalusien verbrachte, passte der Lauf sehr gut in die Vorbereitung für einen weiteren größeren Lauf im April, den Mäschder Drehwurm.
Der (Ohr)Wurm aus Großmaischeid
Der Mäschder Drehwurm ist ein 12-Stunden-Lauf (6 h sind auch möglich), organisiert von Katjas Laufzeit. Ziel ist es, während 12 Stunden so viele Runden wie möglich zu drehen (2,6 km und 47 Höhenmeter/Runde auf Wald-, Forst- und Wiesenwegen). Auch dieser Lauf diente als Vorbereitung auf den Biber Backyard Ultra im Juni. Zudem mag ich das 24 h- bzw. 12 h-Format sowie die Organisatoren Katja und Andreas, die für eine sehr herzliche und lustige Atmosphäre sorgen und besonders spannende Laufevents anbieten.
Am 26. April um 7:00 ging es dann ganz gemütlich los. Mit mir am Start war Chantal, meine Lauffreundin aus Luxemburg. Ich wollte nicht zu schnell starten, sondern ein konstantes und gleichmäßiges Tempo über 12 Stunden halten. Ich teilte mir den Lauf im Kopf wieder in 6,7 km-Loops ein und versuchte, die ganze Zeit jeweils unter 60 Minuten zu bleiben. Dabei ließ ich mich nicht vom Tempo der anderen Läufer mitreißen, sondern blieb die ganze Zeit über in meinem geplanten Tempo. Dies gelang mir aufgrund einer Visualisierung mit einem passenden Motto - einer Schnecke. Kurz zur Erklärung: Etwa eine Woche vor dem Lauf hing an meinem Fenster im Büro eine dicke schwarze Schnecke. Da die Schnecke ziemlich auffällig war, sprach jeder, der in mein Büro kam, mich auf diese Schnecke an, was zu einigen Unterhaltungen über die Beschaffenheit, Symbolik und Bedeutung von Schnecken führte. Achtsam und mit Bedacht durch das Leben gehen, Geduld, Ausdauer und Zurückhaltung... das passte doch perfekt zu einem 12 h-Lauf! Und so wurde die Schnecke zu meinem Motto für den Mäschder Drehwurm.
Ich drehte meine Runden im immer gleichen Tempo, und dies ohne größere Pausen. Ich bevorzugte es, nicht stehen zu bleiben und mich nicht hinzusetzen. Ich füllte nur schnell meine Flaschen, nahm mir etwas zu essen und drehte weiter. An der Verpflegungsstelle gab es immer wieder Überraschungen: Mit quasi jeder Runde füllte sich das Verpflegungsbuffet, es gab sogar Eiscreme! Und zudem lief immer gute Musik, so dass ich jedes Mal ganz gespannt war, welches Lied gerade gespielt wurde... bis der Drehwurm sich plötzlich zum ultimativen Ohrwurm entwickelte. Zum Schluss des Laufes ertönte jede Runde aufs Neue wieder der gleiche Song... "ich drehe schon seit Stunden hier so meine Runden"... Das Lied "Mambo" von Herbert Grönemeyer passte auf jeden Fall wie die Faust aufs Auge. Und dann waren die 12 Stunden auch schon um. Ich schaffte 36 Runden, was 93,6 km und 1.740 Höhenmeter entsprach und ergatterte den 2. Platz auf dem Podium bei den Frauen. Aber das war nur das extra Sahnehäubchen auf der Torte, denn am allermeisten freute ich mich darüber, dass ich die ganzen 12 Stunden nur positive Gefühle hatte, kein Tief, kein einziges Down... achtsam, mit Bedacht, geduldig, mit viel Ausdauer im konstanten Tempo... wie die Schnecke. Aber nach dem Mäschder Drehwurm war vor dem Biber Backyard Ultra, und so ging das "Loopen" weiter.
Der beißende Biber
Der Monat Mai war ein sehr trainingsintensiver Monat. Neben dem Stretching, Krafttraining und Radfahren lief ich ca. 400 Kilometer. An den Wochenenden standen so genannte "Back to Back-Läufe" auf dem Programm, die ich entweder in Andalusien oder um die "Big Douglas" absolvierte bzw. "loopte". Die längste Trainingsdistanz betrug 67 Kilometer, wobei ich den Lauf nach 60 km aufgrund eines starken Unwetters mit Blitz und Donner beenden musste.
Mir ist bewusst, dass meine Trainingseinheiten zeitweise sehr lang sind, und ich absolviere diese ausschließlich allein. Auch wenn dies, über einen längeren Zeitraum von mehreren Monaten, körperlich und mental sehr anstrengend ist, erfüllen diese Läufe mich und ich lerne sehr viel über mich selbst, meinen Körper und über das Laufen an sich. Ich laufe einfach gerne sehr lang und weit. Und es stört mich dabei auch keineswegs, allein und immer die gleiche Strecke im Kreis zu laufen. Im Gegenteil, ich befinde mich auf diesen Läufen in einem völligen Flow-Zustand und kann abschalten. Trainingspläne, die aus mehreren kurzen (z. B. 15km) Einheiten bestehen, demotivieren mich und ich neige auch eher zu Verletzungen. Dann fehlt einfach etwas in meinem Leben und ich fühle mich nicht "vollständig".
Neben den langen Einheiten am Wochenende standen aber auch noch alle anderen Trainingsläufe & Co auf dem Programm. Es war nicht immer einfach, alle Lebensbereiche unter einen Hut zu bekommen. Meine Arbeit in der Schulleitung kostete ebenfalls viel Energie und ich habe auch ein Privatleben mit einem Partner, Familie und Freunden. Montags nach einem "Back to Back-Wochenende" hieß es gleich wieder Vollgas geben bei der Arbeit, was natürlich einen Impakt auf die Regeneration hatte. Während der Woche bin ich öfters um 4 Uhr morgens aufgestanden, um noch vor einem langen Arbeitstag zu laufen. Das störte mich aber nicht und ich genoss es, so früh morgens bei Sonnenaufgang in den Tag zu laufen. Und ich hatte ein klares Ziel vor Augen: Den Biber Backyard Ultra.
Ende Mai war ich richtig glücklich. Ich fühlte mich stark und gut vorbereitet, auch wenn ich vor allem mental müde war. Aber es war eine wohlige, erfüllende Müdigkeit. Umso willkommener war das Tapering. Bei einem Backyard Ultra spielen noch weitere Faktoren eine wesentliche Rolle. Auch diese Vorbereitungen galt es zu erfüllen: das ganze Material (Zelt, Tische, Stühle, Kleidung,...), meine Crew (bestehend aus einer sehr lieben fürsorglichen Krankenschwester), mein Essensplan sowie die Anreise. An dieser Stelle möchte ich LetzTrail einen großen Dank für das Bereitstellen meiner Kleidung aussprechen. LetzTrail ist eine neue kostenlose "All-in-one-App" für Outdoor-Aktivitäten. Seit Juni bin ich "ambassador" von LetzTrail.
Ungefähr eine Woche vor dem Start stand der Lauf dann eher unter dem Motto "Damoklesschwert". Der Biber Backyard Ultra war eine sehr lehrreiche Lebenslektion, die mich - im Nachhinein betrachtet - sehr reich machte, da sie eine grundlegende Transformation in meinem Leben auslöste. Was genau ist passiert? Ich kann es immer noch nicht so recht erklären, aber trotz der ganzen gründlichen Vorbereitungen gab es einen unkontrollierbaren Faktor, der den Lauf völlig durcheinander brachte. Oder es war einfach nur Pech oder/und eine Ansammlung von mehreren Faktoren.
Eine Woche vor dem Backyard bekam ich Bauchschmerzen, was bei mir im Grunde genommen nichts Neues ist. Ich neige zu starkem Lampenfieber vor Wettläufen. Da mir dieser Lauf besonders am Herzen lag und ich viel Kraft und Zeit investierte, setzte ich mich wohl selbst etwas unter Druck. Ich ernährte mich in der Woche vor dem Lauf nicht richtig, da ich absolut keinen Appetit hatte und, neben den Bauchkrämpfen, ständig dieses flaue Gefühl im Magen verspürte. Aufgrund des hohen Energieverbrauchs in den vergangenen Wochen brauchte ich aber unbedingt Input. Ich nahm sogar 2 Kg ab, was zu dem Zeitpunkt absolut nicht förderlich war.
Dann war es soweit: Anreise, Zelt aufbauen, Möbel installieren... und die Wettervorhersage: über 30 Grad mit Gewittern und sehr hoher Feuchtigkeit. Ich liebe Hitze und laufe regelmäßig bei sehr hohen Temperaturen, sogar über 40 Grad. Aber mit sehr hoher Feuchtigkeit? Ich machte mir aber keine großen Gedanken darüber und versuchte mich auf den Start zu freuen. Immerhin war alles an seinem Platz, die Stimmung passte, die Organisatoren waren sehr nett, meine Crew-Dame hochmotiviert... und ich? Die optimistische achtsame Schnecke vom Mäschder Drehwurm war weit und breit nicht zu sehen. Und die starke "Big Douglas-Kämpferin" der vergangenen Trainingswochen? WEG! Und so stand ich nun am Start: voller Zweifel, ohne Fokus, mit flauem Bauchgefühl. 3, 2, 1, GLOCKE!
Der Lauf wurde für mich die reinste Qual, ab Loop 4 plagten mich heftige Seitenstiche und ich hatte einfach keine Freude an dem Lauf. Mittlerweile war es 33 Grad warm und es regnete immer wieder. Auch wenn ich noch gut unter einer Stunde pro Runde lag und es mir gelang, in einem konstanten regelmäßigen Tempo zu laufen, kostete das Laufen mehr Kraft als gewohnt. Fatal war, dass ich sehr viel Flüssigkeit verlor und verhältnismäßig wenig Wasser zu mir nahm. Von Essen nicht zu sprechen, ich bekam kaum einen Bissen runter. Nach 10 Stunden wurden die Seitenstiche immer heftiger, gegessen hatte ich, abgesehen von der fetten Fliege, die mir mitten in den Hals flog und dort stecken blieb, kaum etwas, und getrunken definitiv nicht genug.
GLOCKE: Loop 11... diese Runde absolvierte ich in 58'48 und mir war klar, dass ich keine weitere Runde unter einer Stunde mehr laufen komnte. Neben den Seitenstichen rauschte mein Atem wie ein Echo in meinen Ohren.
GLOCKE: Loop 12. Ich blieb mit schwerem Herzen auf meinem Stuhl sitzen. Dieses Gefühl, als die anderen alle losliefen, war einfach niederschmetternd und Frustration pur. Das war's. Ich schaffte insgesamt 11 Runden/Stunden und damit 72 km mit 1.300 Höhenmetern. Aus der stärksten Biberin wurde nichts, dafür wurde ich wohl heftig vom Biber gebissen und erledigt!
Es war die totale Enttäuschung, ich war so wütend auf mich selbst und etliche negative Gedanken schwirrten in meinem Kopf herum: "Dafür habe ich soviel trainiert und bin nachts um 4 Uhr aufgestanden? Damit ich 72 km laufe? Das entspricht höchstens einem weiteren Trainingslauf!". Ich richtete meinen ganzen Frust gegen mich selbst und die Bauchschmerzen waren nach einer Woche immer noch da, so dass ich zu diversen Ärzten ging und mich einigen Tests unterzog. Körperlich war alles super, nicht mal eine minimale Entzündung im Magen-Darm-Bereich. Bluttest perfekt. Auch mangelte es mir nicht an Energie. Nachdem ich meiner Ärztin die ganze Geschichte vom Backyard und meinen Symptomen erzählt hatte, sagte sie Folgendes zu mir:
"Ich kann Ihnen kein Medikament verschreiben, da Sie körperlich völlig gesund sind. Aber ich würde Ihnen mehr Wohlwollen und Nachsicht gegenüber Ihnen selbst verschreiben. Sie setzen sich so stark unter Druck, dass sich dieser irgendwo bemerkbar machen muss, und das ist in dem Fall sehr häufig der Bauch."
Könnte es tatsächlich am Lampenfieber und dem Druck liegen? Ich beschloss, der ganzen Sache auf den Grund zu gehen. Ich analysierte alle Trainingsbereiche sehr genau und konsultierte schließlich die Mentaltrainerin Cloé Guibal - préparatrice mentale. Gleichzeitig gewann ich meinen positiven Tatendrang und die Energie zurück. Ich verfolgte weiterhin mein Ziel mit dem Motto "I f** trained for it!". Ich wollte mich nicht geschlagen geben und diese "Niederlage" nicht einfach so hinnehmen. Also suchte ich mir einen neuen Lauf Ende August, was nicht so einfach war. Ich stieß schließlich auf den Bottroper Ultralauf Festival. Ich hatte die Wahl zwischen einem 24 h-Format und dem Backyard-Format, allerdings mit einem klar definierten Ende nach 24 Stunden. Ich entschied mich für den 24 h-Lauf, und das Ziel stand definitiv fest: 100 Meilen in 24 Stunden laufen. Im Gegensatz zu den vorigen Läufen handelte es sich hier um einen komplett flachen Lauf in einem Park und mit einer sehr kurzen Runde von 837,7 Metern (zur Erinnerung: Mäschder Drehwurm 2,6km, Backyard 6,7km...). Während 24 Stunden immer wieder 837,7 im Kreis laufen. Nice! Das bedeutete aber auch, dass ich die nächsten zwei Monate weiter trainieren würde, und dies unter anderem auch in Andalusien während den Ferien bei +40 Grad.
Ein neues Element war ab dem Zeitpunkt das mentale Training mit Cloé Guibal. Allein durch das Aussprechen und Benennen der Gedanken und Handlungen in der Zeit vor einem Wettkampf wurden mir viele elementare Faktoren bewusst und ich konnte ein Schema feststellen. Ich nahm im Juli und im August an weiteren 2 Wettrennen, dem Lënster Trail 38km und dem Subida al Pico Veleta 50km (2700 Höhenmeter auf einer Höhe von 3400 m bei 35 Grad) teil, so dass ich mich in konkreten Situationen selbst genau beobachten konnte.
Hier das Ergebnis: Sobald ich an einem offiziellen Rennen teilnehme, überkommt mich kurz davor das Gefühl, nicht antreten zu wollen. Mir wird mulmig, unwohl, ich kann nicht essen und meine Beine fühlen sich an wie Blei. Aber bereits einige Tage vor dem Rennen beginnt ein bestimmter Ablauf von Gedanken und Handlungen. Während ich mich an dem einen Tag noch sehr stark, gut trainiert und motiviert fühle, kann am nächsten Tag alles nur noch negativ sein. Dann fühle ich mich nicht ausreichend vorbereitet, ich habe den Eindruck, dass alle anderen fitter sind oder im Vergleich zu mir überhaupt nicht trainiert haben und trotzdem besser sind. Ich vergleiche meine Trainingseinheiten mit anderen Trainingsplänen und verliere jegliche Motivation. Rational gesehen sind dies völlig dumme, sinnlose und unnötige Gedanken, aber sie schaffen es trotzdem vorzudringen und diesen Druck auszulösen. Und dabei gibt es überhaupt keinen Grund und es ist mir eigentlich auch egal, denn ich will ja nicht unbedingt gewinnen. Aber ich bin auch kein so genannter "Spaßläufer", der einfach nur so zum Spaß an der Sache in einer Gruppe oder allein läuft. Gewisse Ansprüche habe ich ja schon, und eigentlich weiß ich, dass ich es auch kann. Es gibt auch Läufe, bei denen dieser Druck nicht so stark vorhanden ist und dann bin ich völlig fokussiert. In solchen Momenten laufe nur im Hier und Jetzt, leidenschaftlich gerne und sogar gut. Ich denke nicht einmal darüber nach, was sein wird. Es ist einfach. Warum kann es nicht immer so sein? Und gibt es Tricks, die ich anwenden kann, damit dieser Druck nicht entsteht?
In meinen Sitzungen mit Cloé Guibal habe ich unterschiedliche Techniken kennen gelernt und auch konkret ausprobiert. Dazu gehören Entspannungstechniken, die Visualisierung, aber auch kognitive Methoden anhand von Routinen und fixen Abläufen. Einige dieser Techniken waren mir auch vorher schon bekannt wie die Visualisierung und das Arbeiten mit Musik, welche eine sehr wichtige Rolle für mich beim Laufen spielt und wesentlich für den mentalen Aspekt ist. Mich selbst anhand eines inneren Monologs motivieren, klappt überhaupt nicht - im Gegenteil, es macht mich nur wütend. Routinen und fixe Abläufe hingegen sind sehr wirksam, und diese Technik habe ich auch konkret umgesetzt im weiteren Verlauf.
"I've got to lose this skin I'm imprisoned in" (The Clash)
Am 28. August bin ich zusammen mit meinem Partner Mike nach Bottrop gefahren und wir richteten mein Lager schon am Vortag des Rennens her. Keine Vergleiche mit anderen Trainingsplänen, keine Zweifel, überhaupt kein Denken. Ich freute mich richtig auf das Event. An dem Ziel war ja sowieso nicht zu rütteln: 100 Meilen in 24 Stunden. Aber auch darüber dachte ich nicht wahnsinnig viel nach.
Samstags um 11 Uhr morgens ging es dann auf die Strecke, besser gesagt auf die Runde. Ich hatte einen groben Zeitplan, an den ich mich die ersten 12 Stunden halten wollte. Zu Beginn war das Wetter etwas durchwachsen, aber insgesamt war es trocken und angenehm warm. Ich lief wieder Runde für Runde, und plötzlich sah ich auf dem Monitor, dass meine Rundenzahl nicht mit den Kilometern auf meiner Uhr übereinstimmte. Gezählt werden immer nur die Runden, unabhängig davon, wie viele Meter man zusätzlich läuft, bedingt durch das Wechseln der Seite des Weges, den Gang zur Toilette oder zum Lager. Das irritierte mich. Da ich mich an der Kilometerzahl auf meiner Uhr orientierte und nicht an der Rundenzahl, stimmte mein Zeitplan nicht mehr. In dem Moment spürte ich die Zweifel und die negativen Gedanken wieder hochkrabbeln. Ich war sauer, sauer auf mich, auf die Rundenzahl, auf die Kilometerzahl. Ich hatte jetzt ungefähr 12 Stunden hinter mir und die lange Nacht stand bevor. Mein Partner war auch mittlerweile anwesend und merkte, dass meine Gedanken gerade etwas dunkler wurden wegen der Abweichungen.
Im Park befand sich eine Gruppe von Menschen, die laute Techno-Musik hörte und jedes Mal den Läufern zujubelte beziehungsweise zugrölte. Durch diese Musik überkam mich plötzlich eine Erinnerung an ein Video und ein Lied, das ich mir einmal angeschaut habe und das mich zum Lachen brachte. Ich hörte mir dieses Lied eine Weile an und ich lief schneller. Es war so, als würde man einen Hebel in mir umdrehen. Meine ganzen negativen Gedanken wurden in positive Energie umgewandelt. Ich sah auf die Uhr, es war Mitternacht.
Die Nacht verging wie im Flug, ich lief in einem gleichen konstanten Tempo und befand mich nur im Hier und Jetzt. Ich freute mich jedes Mal, wenn ich an der Verpflegung vorbei lief, die Helfer hatten immer motivierende und nette Worte parat, waren sehr hilfsbereit und nett.
Während der Nacht verweigerte mein Magen-Darm-Trakt jegliche Nahrungsaufnahme, sodass alles, was zum Mund reinging, gleich wieder rauskam. Schmerzen empfand ich aber keine, ich musste eben nur sofort aufs Klo, sobald ich etwas Flüssigkeit oder Nahrung zuführte. Ich stellte dies rein faktisch fest, aber ich bewertete es nicht als etwas Negatives, sondern reagierte mit einer entsprechenden Lösung. Ich nahm regelmäßig Salztabletten zu mir und trank und aß trotzdem häppchenweise. Die Verpflegung war ganz ordentlich, so dass ich mir immer etwas Kleines mitnahm. Zudem spürte ich, dass ich eine Blase am Fuß hatte, die immer dicker wurde. Es war auch in diesem Fall eine reine Feststellung ohne negative Bewertung. Ich blieb kurz stehen, wechselte die Socke, verpflegte meinen Zeh und lief weiter. Ich kann mich nicht mehr an die genaue Uhrzeit erinnern, als ich mir plötzlich die Frage stellte, ob diese Art von Laufen nicht doch ein bisschen etwas Extremes an sich hat. Immerhin läuft man ununterbrochen im Kreis, sogar die ganze Nacht über, ohne Schlaf, dafür mit Blasen, Verdauungsproblemen und - nicht zu vergessen - mit etlichen wunden Hautschürfungen. Kurz darauf empfand ich ein starkes Gefühl von Erfüllung und ich dachte nur, dass es nichts gäbe, was ich gerade lieber täte. War das also meine Antwort auf die Frage?
Als ich das nächste Mal auf die Uhr schaute, war 5 Uhr morgens. Bald würde die Sonne aufgehen. Und zum Frühstück gönnte ich mir dann ein alkoholfreies Hefeweizen. Ich hatte mich mittlerweile von Platz 15 auf Platz 8 durchgearbeitet und ich lief immer noch in einem langsamen, aber konstanten Tempo. Es bereitete mir keine Probleme, im Laufschritt zu bleiben, und so war ich plötzlich auf Platz 7, dann 6 und 5. Ich war richtig gut drauf und fühlte mich immer noch sehr wohl. Jetzt wollte ich auf jeden Fall dranbleiben, das Tempo beibehalten, meinen Platz verteidigen und die 100 Meilen schaffen. Mittlerweile zeigte meine Uhr eine Differenz von 6 km an, aber das störte mich auch nicht mehr.
10 Uhr: nur noch eine Stunde laufen. Die Emotionen fingen an zu brodeln. Ich spürte, wie meine Augen etwas feucht wurden und mir Tränen über das Gesicht liefen. Meine Uhr zeigte mir mittlerweile 160 km an. Und dann war es soweit, die letzte Runde! 166,6 km auf meiner Uhr, 189 Runden, 159,69 km offiziell gemäß Rundenzahl. Platz 5W, Platz 2 W45 und insgesamt Platz 12/89. Und ja, "I f*** trained for it!!". Und ich fühlte mich immer noch gut, zumindest hätte ich zu dem Zeitpunkt noch etwas weiter laufen können. Nach der anschließenden Dusche änderte sich meine Laufbereitschaft aber dann doch. Sogar auf das Podium klettern war gar nicht mehr so einfach. Der Bottroper Ultralauf Festival war eine richtig gute Wahl und ich bin froh, dass ich an dem Lauf teilgenommen habe. Die gute Laune und die Motivation der Helfer und Organisatoren sowie die Hilfsbereitschaft der Menschen machten den Lauf zu einer sehr schönen Erinnerung.
Rückblickend habe ich in erster Linie mein Ziel erreicht, aber es geht weit über eine bloße Kilometerzahl und eine Platzierung hinaus. Ich startete mein Laufjahr mit Ungewissheit und schmerzhaften Spritzen. Mein Backyard Ultra, der mir sehr wichtig war, wurde für mich zur kompletten Enttäuschung. Aber es waren gerade diese beiden, vorerst negativen, Ereignisse, die zu einer großen Veränderung führten. Durch das Pes anserinus-Syndrom gestaltete sich mein Training etwas bewusster und vielfältiger. Ich lernte zu "loopen", wobei es mir schließlich gelang, über einen sehr langen Zeitraum in einem konstanten Tempo durchzulaufen, ohne zu pausieren und ohne zu gehen. Das Einteilen in 6,7 km-Loops habe ich bis jetzt weiterhin beibehalten, da es für mich eine sehr gute Richtlinie darstellt, sowohl in Bezug auf das Tempo als auch auf die Nahrungszufuhr, die mittlerweile einen festen, eigenen Bestandteil in meinem Lauftraining darstellt. Ich trainiere anhand von Visualisierung und von kognitiven Tricks, regelmäßig zu essen und zu trinken, so dass dies zur festen Routine wird und ich mich nicht mehr mit Ekelgefühlen dazu zwingen muss, wenn es bereits zu spät ist.
Der misslungene Backyard Ultra hat dazu geführt, dass ich aus den sehr negativen Emotionen, die mir regelrecht auf den Magen schlugen, neue positive Kraft schöpfte und stärker als zuvor wieder aufstand und weitermachte. Aufgeben und mein ursprüngliches Ziel unerreicht lassen war für mich keine Option. Das bedeutete aber, einen wunden Punkt in mir selbst aufzuspüren, darin rumzustochern und nach Lösungen zu suchen. Ich musste mich aus dieser Haut befreien, die mich immer wieder gefangen hielt in spezifischen Situationen wie Wettkämpfen und großen Herausforderungen im Leben, so wie es in dem Song von The Clash heißt: I've got to lose this skin I'm imprisoned in.
Wenn ich auf alle meine Läufe zurück blicke, dann sind es nicht die problemlosen "einfachen" Rennen, die mich zu einer stärkeren Person gemacht haben. Es sind genau die Läufe, bei denen alles Mögliche schief lief und ich trotz Pannen und besonders großen mentalen und körperlichen Herausforderungen bis zum Schluss weiterlief und mit einem großen Lachen im Ziel angekommen bin. Zu einer schnelleren Läuferin hat mich das nicht gemacht, aber dafür zu einer stärkeren, ausdauernden Läuferin mit viel Durchhaltevermögen und einer Menge Erinnerungen und Geschichten.
Mir ist bewusst, dass dieses ganze Jahr nur der Auftakt war und ich immer wieder in Situationen geraten kann, in denen ich mich selbst unter Druck setze. Vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Fall wird es genügend Momente im nächsten Jahr geben, in denen sich genau dies herausstellen wird. Spoiler: der Mäschder Drehwurm bietet im April 2026 auch eine 24 h-Distanz an. Und im Juli wird es sicherlich wieder sehr heiß werden in Andalusien beim Al Andalus Ultimate Trail. Und wer weiß, wie viele Loops die Schnecke im nächsten Jahr bei einem Backyard Ultra drehen wird.