TUSCANY CROSSING 2018 - 103km

Der Tuscany Crossing im Jahr 2018 war mein erster 100km Lauf (+3200HM) und eine meiner schönsten Erfahrungen. Deswegen wollte ich 2020 auch meine ersten 100 Meilen in der Toskana laufen. Man durchläuft das ganze Val d'Orcia, das seit 2004 Weltkulturerbe der Unesco ist. Highlights bilden die Thermen von Bagno Vignoni, Pienza, San Quirico d'Orcia, Montalcino, die Torrenieri sowie die Crete Senesi. Auch dieser Lauf war mit einer Reise mit dem Van verbunden. Der Lauf fand am 20. April statt, und so starteten Mike und ich in den Osterferien. Wir hatten 3 Etappen vorgesehen: Die erste Übernachtung war auf einem Campingplatz in Füssen, dann fuhren wir weiter nach Merano, wo wir zwei Nächte blieben und dann weiter nach Rocca d'Orcia. Ich fühlte mich topfit und war total aufgeregt. Mein Training verlief gut, ich hatte ca. 1200km in den Wochen davor absolviert und fühlte mich bereit für meinen ersten 100er.

In Füssen erhielten wir den ersten Vorgeschmack auf die Berge. Wir blieben über Nacht und starteten morgens nach Merano, fuhren an der Zugspitze vorbei und über den Jaufenpass, wo noch etwas Schnee lag. In Merano schien die Sonne und es waren angenehme 27 Grad. Für die kommenden Tage wurden um 30 Grad Celsius vorhergesagt. Mike und ich wollten natürlich die Gegend erkunden und wir luden uns Strecken runter. Ich natürlich eine Laufstrecke, Mike wollte mit dem Rennrad einen Pass hochfahren. Meine 20km lange Strecke war teilweise sehr schön. Nachdem ich die ersten 5km an einer frisch geteeren Straße und Baustelle vorbei lief, ging es dann endlich auf einen Wanderweg, welcher zum Monte Marlengo führte. Ich fühlte mich total entspannt und machte mir keinerlei Gedanken darüber, dass ich bald 100km laufen würde. Ich genoss die tolle Aussicht in den blühenden Plantagen und fotografierte die Berge.


Am nächsten Tag ging es dann weiter in Richtung Toskana. Wir hatten eine kleine typische "Casa" gemietet, direkt neben der "Rocca" und ca. 1 km vom Start in Castiglione d'Orcia entfernt. Am ersten Tag erkundeten wir dann die Rocca, also ich erkundete die Rocca, Mike wollte lieber chillen und in der Sonne liegen :-). Ich saugte die Landschaft regelrecht in mich auf, ich verinnerlichte sie und spürte sie unter meinen Füßen. Ich war wirklich bereit, ich fühlte mich eins mit meiner Umgebung. Die ersten 7km der Strecke erkundeten wir dann am folgenden Tag. Wir wanderten nach Bagno Vignoni und sahen uns die Thermen und die Mulieri von Bagno Vignoni an. Es war unheimlich beruhigend, dass die Strecke so gut ausgeschildert war. Quasi alle paar Meter war ein blaues Band befestigt mit zusätzlich einem Schild, auf dem Tuscany Crossing stand. Orientierung ist ja bekanntlich nicht so meine Stärke und ich verlaufe mich immer wieder auf Läufen. Aber das hier war absolut sicher! Nach der Wanderung holten wir dann unsere Startnummern ab. Mike war für die 15km Strecke angemeldet. Dann war das Briefing, welches fast 2 Stunden lang dauerte, mit einem Vortrag von "OKA ONé ONé" (Hoka one one), wie die Italiener das nannten :-). Ich wurde jetzt richtig nervös, zweifelte total an mir und dachte, dass ich besser nicht starten werde. PANIK TOTAL! Wir waren noch in einem Restaurant, aber die Aufregung wurde immer schlimmer. Mike schickte mich nach Hause und meinte, ich solle in Ruhe alles packen und mich entspannen. Ich schaute mir den Sonnenuntergang an, mit ganz gemischten Gefühlen. So wie die vielen Farben des Sonnenuntergangs. Meine Stimmung passte perfekt zu diesem Schauspiel. Dann bereitete ich alles vor und ging ins Bett. Ich schlief genau 2 Stunden, die Nacht war furchtbar.


Kurz vor 6 schloss ich die Tür unserer Casa hinter mir und marschierte Richtung Startlinie nach Castiglione d'Orcia. Ich schaltete das Denken aus und wartete auf den Startschuss. Tre due uno GOOO! Jetzt gab es kein Zurück mehr. Es war noch dunkel, und die Strecke führte an unserer Casa vorbei nach Bagno Vignoni. Die Sonne ging auf, und ich kam noch einmal in den Genuss der wunderschönen Thermen und blickte auf die Rocca. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich die Rocca erreichen würde. Die erste Verpflegungsstelle befand sich bei ca. Kilometer 13 in Pienza, eine herrliche Stadt. Pienza wurde nach einem ganz bestimmten ästhetischen und humanistischen Konzept erbaut. Sie galt als die "ideale Stadt" und diente seitdem als Vorlage für viele andere Städte. Die Stadt bietet einen direkten Blick auf den Monte Amiata, den es im Lauf ebenfalls zu erklimmen galt (Kilometer 65-90). Dann ging es weiter, entlang an typischen Landschaften der Toskana. Unter den Läufern befand sich ebenfalls ein blinder Läufer mit seinen Begleitern, die alle aus Frankreich angereist waren, um am Tuscany Crossing teilzunehmen. Absolut beeindruckend! Wir durchquerten noch weitere kleine Städte und Dörfer, und so langsam wurde es richtig warm. Kurz vor Mittag befand ich mich im Weingebiet vor Montalcino, wo sich die erste Aid Station sowie die Ziellinie der 50km Distanz befand. Ich war ca. 6h20min unterwegs und ahnte noch nichts von dem Anstieg nach Montalcino. Die Mittagssonne drückte und es war ganz schön anstrengend. Der Anstieg ist ca. 1,5km lang mit 250HM. Es lagen einige auf den Knien oder blieben stehen und hielten sich fest. Aber oben angekommen ging es mir super. Ich zog frische Klamotten an, versuchte etwas zu essen, trank genug und lief dann nach ca. 20 min weiter. Die nächste Station war in Castelnuovo dell' Abate. Die Landschaft veränderte sich ab hier, sie wurde trockener, steiniger und die ersten Kakteen traten hervor. Und die Sonne drückte. Ich passierte die 60km, das bedeutete, dass es gleich den Monte Amiata hochging, und zwar während ca. 25km. Doch zuvor musste noch ein Fluss überquert werden, was für eine angenehme Erfrischung sorgte, mitten in der doch sehr trockenen Umgebung. Ich hatte sogar eine Begegnung mit einer Schlange. Bei ca. Kilometer 65 befindet man sich am tiefsten Punkt über dem Meeresspiegel und dann gilt es, auf 25km 1100HM zu überwinden.

Mehrere Läufer litten an Dehydrierung, Sonnenstich und mussten abgeholt und versorgt werden. Mir ging es immer noch gut, aber ich spürte so langsam eine gewisse Müdigkeit ab Kilometer 80. Ich wollte nur noch schlafen, ich hätte mich am liebsten einfach hingelegt, aber ich ging weiter. Mike hatte mittlerweile seinen Lauf gefinisht, er schaffte es auf Platz 12 und lief kurz vor der 2. Dame ins Ziel. Während er gemütlich ein Glas Montepulciano genoss, schleppte ich mich den Monte Amiata hoch. Mike meinte, es sei jetzt nicht der ideale Moment für ein Nickerchen. Ich trapte weiter hoch. Ich wurde von einigen Läufern überholt, was mich zusätzlich frustrierte. Auch hatte ich mittlerweile keinen Bezug mehr zur Außenwelt, denn meine Mutter schrieb mir, um zu fragen, wie es mir geht, aber ich konnte keine Antwort geben, ich wollte es auch nicht, denn es war alles so weit weg, unbeschreiblich. Ich wollte meine Ruhe haben, schlafen, nicht mehr gehen, aber damit war nicht gemeint, dass ich den Lauf abbrechen wollte. Es wäre ja auch nicht mehr weit, meinte Mike. Dann kam ich endlich oben auf dem Monte Amiata an. Noch 13km! Es fing so langsam an zu dämmern. Und diese Dämmerung löste eine komische Stimmung in mir aus, denn es bedeutete, dass ein langer Tag zu Ende ging, und mit diesem Ende auch ein langer Traum. Ein Traum, für den ich sehr viel und diszipliniert trainiert habe. Wochen- und monatelang drehte sich alles um diesen Traum in der Toskana. Und jetzt liegen nur noch 13km zwischen mir und der Finishline. 

Ich lief weiter, die Strecke führte durch den "Vivo d'Orcia". Hier wurde ich dann auch wieder total wach, denn es sah ganz ähnlich aus wie im Mullerthal in Luxemburg. Diese Ähnlichkeit verpasste mir einen Kick, denn immerhin war dies mein Trail, hier war ich zuhause. Ich lief etwas schneller und kam noch gerade vor dem Sonnenuntergang aus dem Wald. Dann ging es durch eine kleine Stadt, Campiglia d'Orcia, wo man eine Burg hochlaufen musste. Es war sehr friedlich und es roch sehr angenehm nach Blüten. Dort befand sich dann auch die letzte Aid Station. Ich lief sofort weiter, ohne noch etwas zu essen oder zu trinken. Ich holte nochmals auf, lief an mehreren Läufern vorbei. Und es wurde immer dunkler. Mittlerweile sah ich nur noch die Stelle, die meine Kopflampe beleuchtete und hörte Frösche und Grillen. Doch ich fing an etwas unberuhigt zu werden, da ich mich schon bei Kilometer 100 befand und Castiglione d'Orcia noch nicht zu sehen war. Dabei waren die Rocca und die Stadt beleuchtet und immer aus allen Richtungen sichtbar. Mike versuchte mich zu beruhigen und sagte, ich würde die Rocca bald sehen und die Musik sei gut zu hören. Doch weder sehen noch hören konnte ich etwas. Auch hinter mir sah ich keine Lichter. Aber die Markierungen waren noch da, also war ich nicht falsch. Vielleicht sind es doch mehr als 103km, aber das hätten sie doch mitgeteilt. Kopfkino... ich wurde richtig nervös, ich dachte, ich werde bald wahnsinnig, wenn ich die Rocca nicht bald sehe. Dann endlich! Die Rocca tauchte auf, aber kurz darauf war sie wieder weg. Zu sehen war nur der Mond, der mich an die Grinsekatze in Alice im Wunderland erinnerte. Und dann ging plötzlich alles sehr schnell... ich bog nach rechts ab, und ich war da, kurz vor dem Ziel! Plötzlich schoss eine Läuferin an mir vorbei, sie rief irgendetwas auf italienisch, sah aus wie frisch vom Friseur und lieferte eine regelrechte Show an der Finishline ab! Mike wartete auf mich und er dachte, dass diese Frau sich einen Scherz erlaube und so tun würde, als ob sie finishen würde. Die kam wie aus dem Nichts. Ich war total perplex... die ganze Situation... zuerst diese Dunkelheit, dann die Frau und der lange Traum, der zu Ende geht, nach 17 Stunden und 19 Minuten. Ich finishte als 12. Dame (von ca. 38), was mich total erstaunte. Damit hätte ich wirklich nicht gerechnet! Mike und ich belegten beiden den 12. Platz auf unseren Läufen :-).

Nun musste ich aber noch einmal die Rocca hoch, denn die Casa befand sich ja ca. 1km entfernt. Ich wurde zur echten Diva und wollte nicht mehr weiter gehen. Ich hatte aber keine andere Wahl, und so meckerte ich den ganzen Weg lang, wann wir denn endlich da sind. Auch diese Nacht blieb ich wach und lag die ganze Zeit in einem Sessel. Ich schwebte irgendwo auf Wolke 7 und befand mich im Wunderland. Das hielt auch noch eine ganze Weile an. Am nächsten Tag lag ich immer noch in dem Sessel, während Mike mit dem Rennrad nach Montalcino hochfuhr. Er wollte diesen Anstieg in Angriff nehmen. Ich genoss die letzten Stunden in der Casa, bevor wir packten und uns auf den Weg nach Florenz begaben. Ich war immer noch in diesem Lauf gefangen, ich kam nicht mehr heraus aus dieser tollen Toskana. Und eigentlich wollte ich das auch gar nicht. Es war einfach so traumhaft schön. Florenz empfand ich demnach als furchtbare Stadt, hektisch, zu viele Menschen. Wir übernachteten auf einem Campingplatz, wo es immerhin ruhig und angenehmer war. Dann überkamen mich plötzlich die Tränen. Ich war so traurig, dass alles vorbei war. Ich dachte, dass ich dieses Erlebnis nie wieder haben würde, der erste 100km Lauf sei nun vorbei. 

Umso mehr freute ich mich über die Nachricht, dass eine neue Distanz angeboten wird... TUSCANY CROSSING 100MILES... :-) :-) Und die werde ich mir nicht entgehen lassen!!